Beginn des Darstellungsformulares
Darstellungsformular überspringen
Ende des Darstellungsformulares
Stadtansichten
Beginn der Navigation
Navigation überspringen
Ende der Navigation
Beginn des Hauptinhaltes
Hauptinhalt überspringen
Kurt Schiering - ein bedeutender Markranstädter Maler und Grafiker
 

Kurt Schiering - ein bedeutender Markranstädter Maler und Grafiker

Text: Hanna Kämmer
Fotos: Bernd Eckert


Vor ca.125 Jahren wurde in Markranstädt ein später nicht nur in Künstlerkreisen bekannter Maler geboren, der allerdings heute auch in seiner Heimatstadt fast vergessen ist.

In Markranstädt kennen die meisten Einheimischen das Wohnhaus Parkstraße 16, an der Ecke Marienstraße. Allerdings sah es, wie unschwer an der Fotografie zu sehen ist, damals etwas anders aus. Es wurde in den Jahren 1882/83 vom Amtsmaurermeister Ferdinand Zimmermann erbaut. 1885 erwarb es Kaufmann Bruno Schiering, der zuvor mit seiner Familie in Leipzig gewohnt hatte. In Markranstädt wurden noch zwei Kinder geboren, 1885 die Tochter Gertrud und am 6. November 1886 das Jüngste von 5 Kindern, Wilhelm Walter Kurt. Er wurde Kurt gerufen und wuchs mit den vier Geschwistern im Hause seiner Eltern auf. Sein Vater war als Pro-kurist und später als 2. Direktor in der Geschäftsleitung der Rauchwarenzurichterei und Färberei, vorm. Louis Walter AG (Aktie), tätig. Er engagierte sich als Bürger der Stadt u.a. auch im Vorbereitungsausschuss für das traditionelle Kinderfest. Ein besonderes Erlebnis für seine Kinder war es sicher, dass der Vater mit ihnen einen der ersten Kinderfestwagen, ein Ziegenbock-Gespann, gestaltete und im Festzug 1891 mitführte. Manch ein Markranstädter kann sich sicher noch an die beiden letzten bis in die 1960er Jahre hier wohnenden Geschwister Otto und Gertrud Schiering erinnern. Während der Schulzeit war Oberlehrer Held einer der Lehrer, die den Knaben Kurt unterrichteten. Die zeichnerische Begabung des Sohnes war Veranlassung für den Vater, ihn nach abgeschlossenem Schulbesuch bei der Lithografischen Anstalt Dibbern und Sperling, Leipzig, in die Lehre zu geben. Hier lernte er die handwerklichen Grundlagen für den Beruf des Lithographen, den er nach der Lehre in der Kunstanstalt Eckart und Pflug, Leipzig, ausübte. Daneben schrieb er sich an der Königlichen Akademie für grafische Künste und Buchgewerbe (heute Hochschule für Grafik und Buchkunst) als Abendschüler ein und besuchte ab dem Sommersemester 1903 viermal wöchentlich von 18 - 20 Uhr die Abendkurse, die Professor Heroux gab.

Ab Wintersemester 1905/06 studierte er bei Professor Tiemann, dem späteren Direktor der Akademie; d.h. er gab die berufliche Tätigkeit auf, um sich ganz dem Studium zu widmen. Nach dem Wintersemester 1908/09 beendete Kurt Schiering sein Studium und unternahm eine erste Studienreise nach Tirol. Das Ergebnis dieser Reise waren nach Karl Schöffer, Leipzig, eine „Fülle lebendiger Wasserfarbenblätter“ (Aquarelle), die Joh. Jacob Weber, Herausgeber der „Illustrierten Zeitung“ veranlassten, ihn in seinen Dienst zu nehmen.

Dieser Verlag gab die „Illustrierte Zeitung“ als Wochenblatt heraus, sie wurde auch weltweit von Auslandsdeutschen gelesen und hatte zuletzt eine große Auflage von ca.100 000 Exemplaren. Sie informierte ihre Leser u.a. über Politik, Industrie und Technik, Erfindungen, Kunst und Literatur, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Begebenheiten und die Natur aus allen Ländern der Welt. Zu diesem Zweck beschäftigte der Verlag neben einer Anzahl Korrespondenten auch ca. 8-9 junge talentierte Maler, die Besten der jeweiligen Absolventengeneration. Sie erhielten vom Verlag alle Reisespesen und ein „fürstliches Gehalt“, so dass sie frei von finanziellen Sorgen arbeiten konnten.

Kurt Schiering gehörte zu den außerwählten Künstlern seines Studienjahrganges. Er war ein talentierter Landschaftsmaler und Zeichner von Skizzen. Seine Reisen im Auftrag des Verlages führten ihn im Herbst 1909 nach Italien. Er durchquerte den „Stiefel“ vom Norden bis zum Süden und machte Station u.a. in Mailand, Pisa, Florenz, Rom, Pompeji. Auf Sizilien hielt er die Folgen des Erdbebens von 1908 in dem völlig zerstörten Messina in seinen Bildern fest.

Das Jahr 1910 erlebte er in Griechenland, Ägypten, Syrien und Palästina. In Palästina hielt er sich mehr als fünf Monate auf und malte in Jerusalem und seiner reizvollen Umgebung, am Jordan und am Toten Meer. 13 Zeichnungen und Aquarelle, die hier entstanden, wurden im Jahre 1911 Bestandteil der Sonderausgabe „Osternummer“ der „Illustrierten Zeitung“. Bilder wie - im Hof der Annenkirche zu Jerusalem, der Felsendom vom Oelberg aus gesehen, der Gethsemanegarten am Oelberg, der Schmerzensweg in Jerusalem u.a. - gaben dem Leser ein beeindruckendes Bild von Jerusalem und seiner Umgebung, wie Kurt Schiering es im Jahr 1910 sah und erlebte. Nach einem Zwischenaufenthalt in Spanien und Frankreich kehrte er in die Heimat zu-rück. Zur Unterstützung des "Kinder- und Blumenfestes 1911" gestaltete er eine Postkarte, deren Erlös wohltätigen Zwecken zu Gute kam.

Die Zeit bis zur nächsten Reise nutzte er, indem er u.a. von den Betrieben „Dr. Gaspary & Co“, „Rauchwarenzurichterei Carl Debus“ und „ Rauchwarenzurichterei und Färberei Walter AG“ Zeichnungen für deren Werbeprospekte angefertigt. Danach begab er sich für etwa ein Jahr er-neut nach Frankreich, um an der Pariser Kunstakademie zu studieren und seine künstlerischen Ausdrucksmittel zu vervollkommnen. In dieser Zeit entstanden einige Bilder, wie z. B. das der bekannten Kirche "Notre Dame", das in der Ausstellung, die wir am kommenden Sonnabend im Heimatmuseum eröffnen werden, zu sehen ist.

Im Spätsommer 1913 wurde Kurt Schiering vom Weber-Verlag mit einer Reise nach Südamerika beauftragt. Der Verlag wollte 1915 die südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien und Chile in Sonderausgaben seinen Lesern vorstellen. Besonders in Brasilien und Chile lebten große Bevölkerungsgruppen deutscher Einwanderer. Für Kurt Schiering waren dies ideale Anlaufpunkte. In Lissabon ging er an Bord eines Schiffes nach Brasilien. Die Äquatortaufe im Oktober 1913 hielt er in einem Bild fest.

Im November ging er in Sao Paulo an Land. Die Landschaften der Staaten Sao Paulo, Santa Catharina, die Berge der Serra do Mar, die Hansakolonie und die Kaffeefazenda Iracema fessel-ten ihn besonders und es entstanden neben einer großen Zahl Aquarelle auch die gezeichneten Zyklen Kaffee, Baumwolle und Zuckerrohr von der Ernte bis zum Versand. Das Ergebnis seines Brasilienaufenthaltes stellte er im Juni 1914 in einer Ausstellung in der Casa Fuchs in Sao Paulo aus. In der deutschen Zeitung Sao Paulo schreibt ein Dr. B. dazu u.a. folgendes: „Herr Schiering hat sich voll Liebe in die brasilianische Natur versenkt. Er hat in gleicher Weise das geheimnisvolle Dunkel des Urwaldes wie die rauschende Farbensymphonie des tropischen Blumengartens auf sich wirken lassen, hat er unter dem Baum der Melancholie gestanden, die den Flußlandschaften Santa Catharinas eigen ist und hat die zarte Lichtheit empfunden, die über Santos und den Bergen der Serra do Mar liegt, wenn die Vormittagssonne die Nebel auflöst.“

Das nächste Ziel hieß Argentinien. Ab Juli 1914 hielt sich Kurt Schiering in Mendoza und Umgebung auf, bereiste malend und zeichnend die argentinische Schweiz und das Passgebiet zu Chile. Hier erreichte ihn die Nachricht vom Ausbruch des Krieges in Deutschland. In dem Bestreben, die Länder Südamerikas auftragsgemäß im Bild festzuhalten, begab sich Kurt Schiering Ende November 1914 nun nach Südchile. In Puerto Montt, seiner ersten Station, fand er Aufnahme und Unterstützung bei den Mitgliedern des Deutschen Verein. Puerto Montt war die süd-lichste größere Hafenstadt Chiles. In ihr und weiteren Orten Südchiles hatten sich vorwiegend deutsche und deutschsprachige Einwanderer angesiedelt und einige Städte gegründet. In diesem südlichen Gebiet das bis zur Magellanstraße reicht, fand Schiering viele herrliche Motive. Seinen Auftrag, für die auch hier sehr bekannte Illustrierte Zeitung als „Kunstkorrespondent“ Chile in landestypischen Bildern für eine Sonderausgabe festzuhalten, hatte die dortige Regierung als eine hervorragende Werbung für ihr Land verstanden und ihm daher alle möglichen Erleichterungen für seine Reisen geschaffen. So konnten die interessantesten und schönsten Gegenden, wie die Magellanstraße, die Vulkane Osorno und Ronador mit ihren Gebirgstälern und Seen von ihm gemalt werden. Die Ergebnisse des ersten halben Jahres in Südchile wurden im Juni 1915 in den Räumen des Deutschen Vereins von Puerto Montt ausgestellt. Er zeigte nicht nur Landschaften, sondern auch Porträts verschiedener Persönlichkeiten, wofür er von der deutschsprachigen und chilenischen Presse hervorragende Kritiken erhielt. So schrieb der Kriti-ker Neganow: „Herr Kunstmaler Schiering, bekannt durch seine prächtigen illustrierten Beiträge in der Illustrierten Zeitung, Leipzig, stellt sein reiches Schaffen an Landschafts- und Porträtstu-dien in den prächtigen Räumen des Deutschen Verein zu Puerto Montt aus. Die Reichhaltigkeit, Schönheit und Pracht der einzelnen Motive machen auf das Auge eines jeden aufmerksamen Besuchers einen geradezu überwältigenden Eindruck..."

Kurt Schiering, von der Heimat und seinem Geldgeber abgeschnitten, ließ sich nun, ermutigt von seinem Erfolg und den neuen Freunden in Santiago de Chile als selbständiger Künstler nieder. Zu den Freunden zählte auch der bekannteste chilenische Maler, Juan Francisco Gonzales, der als „einer der echtesten und wahrsten Künstler die Chile hat" beschrieben wurde. Da Kurt Schiering sehr fleißig war, fiel es ihm nicht schwer, mit seiner Kunst den notwendigen Lebensunterhalt zu verdienen. Er arbeitete für Porträtaufträge, malte Theatervorhänge und arbeitete u.a. auch als Grafiker für Betriebe der Salpeter- und Kupferindustrie. Er war bald in ganz Chile in deutschen und chilenischen kunstinteressierten Kreisen als hervorragender Landschaftsmaler und als Porträtist und Grafiker von erfreulicher Vielseitigkeit bekannt. In den folgenden Jahren entstanden viele herrliche Bilder aus allen Gegenden vom äußersten Norden, der Pampa, Taltal und Umgebung, den Cordillieren, den Küsten und Häfen Mittelchiles bis zum Süden. Seine Gemäldeausstellungen in Puerto Montt, Valparaiso, Santiago und Taltal hatten große finanzielle Erfolge und sind Belege seines außerordentlichen Fleißes. Dass er auch in dieser Zeit an seine Heimat dachte, an die Menschen, die den Krieg in großer Not erleben mussten, belegt eine Mitteilung im Markranstädter Tageblatt vom 27. April 1916, in der es heißt: "Für das Rote Kreuz in Markranstädt traf eine ansehnliche Spende aus Chile ein, wo sich unser als Landschaftsmaler bekannter Landsmann Herr Kurt Schiering aufhält.“

Im September 1916 gelang es Kurt Schiering nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten, eine Schiffsreise zu den 600 km vor der Küste Südchiles liegenden Robinson-Inseln zu un-ternehmen. Er war der erste deutsche und wahrscheinlich auch der erste europäische Maler, der die Inseln besuchte und ihre Schönheiten in Bildern festhielt. Er malte die wunderbare Natur der Inseln; besonders gut gelungen schien ihm das Bild „Cumberlandbucht“ der Insel Masatiera (jetzt Alexander-Selkirk-Insel), auf der der Matrose Selkirk fünf Jahre verbrachte. (Sein Schicksal hat Defoe für den Roman Robinson-Crusoe zum Vorbild genommen.) Auf der Insel Juan Fernandez zeichnete er u.a. die Grabstätte der drei deutschen Seeleute, die im März 1915 bei dem Seegefecht zwischen der SMS Dresden und zwei britischen Kreuzern den Tod fanden.

Ende Februar 1918 begab sich Kurt Schiering nach Nordchile, um von Taltal in der Region Coquimbo über den Gebirgsort Herradura einen Ausflug in die Hochcordillera zu machen. Mit drei Freunden wurde die Reise zu den wegen ihrer Heilkraft berühmten „Banos del Toro“ (Quel-len) in Angriff genommen. Nach einem beschwerlichen mehrstündigen Ritt gelangte man nach Huanka, nach Schierings Meinung das malerischste Dorf, das er je sah. Noch in der Nacht ging es nach einer kurzen Ruhepause weiter. Mit zunehmender Höhe kam man in ein Schneetreiben, um dann bei eisiger Kälte an den Heilquellen Banos del Toro, die in einer Höhe von 3600 m liegen, anzukommen. Durchgefroren nach dem langen Ritt wurde in den heißen Quellen gebadet, bevor sich die Freunde zur Ruhe begaben. In der darauffolgenden Nacht fühlte sich Kurt Schiering unwohl und starb innerhalb von 36 Stunden am 11. März 1918. Die drei Freunde, die ihn auf dieser Reise begleitet hatten, gaben ihm oben in den Bergen seine letzte Ruhestätte.

In dem Nachruf der deutschen Zeitung für Chile heißt es u.a.: „Am 11.März ist Kurt Schiering oben in der Cordillera, in den Banos del Toro, gestorben. Diese kurze bittere Nachricht dürfte alle, die diesen liebenswürdigen Menschen kannten, erschüttert haben. Es war vieles an ihm, was einem einfach Bewunderung abringen mußte. Ein Deutscher, der immer half, der bereitwillig und uneigennützig sein Talent in den Dienst der guten Sache stellte, der nur zu gern schenkte und gab. Der junge deutsche Maler war vier Jahre hindurch Gast in unserem Lande. Er zählte zu jenen Menschen, die der Krieg in Europa an der Rückkehr in die Heimat hinderte. Schiering hatte eine gute Seele, die Aufrichtigkeit eines Kindes, ein heiteres Gemüt, eine Treue in allen Dingen, die im Gedächtnis seiner Freunde dieselbe unauslöschliche Erinnerung hinterlässt, welche sein Künstlerauge sicherlich dem leuchtenden Bilde dieser Erde bewahrt haben würde.“

Kurt Schiering wurde nur 31 Jahre alt. Es war ihm nicht vergönnt, seine Eltern und Geschwister wiederzusehen. Die Freunde in Santiago de Chile schickten seinen gesamten Nachlaß, ca 200 Bilder, Fotografien und Zeitungsartikel im Sommer 1918 zu seiner Familie. Der größte Teil der Bilder wurde in einer Nachlassausstellung in Leipzig gezeigt (siehe Leipziger Tageblatt vom 23.August 1918).

Im Jahre 1922 stellte das Museum für Länderkunde, Leipzig, damals im Grassimuseum, das Schaffen Kurt Schierings in einer Ausstellung vor. Besonders hervorgehoben wurden dabei die Bilder von den Robinson-Inseln. Auch im Jahr 1929 konnten Aquarelle von Kurt Schiering in der Ausstellung „Tropische Landschaften“ des Museums für Länderkunde besichtigt werden.

Der Verlag Joh. Jacob Weber, sein ehemaliger Auftraggeber, gab im Jahre 1922 die für 1915 geplanten Sondernummern „Brasilien“ und „Chile“ mit den Abbildungen nach Originalen von Kurt Schiering heraus. In der Chile-Ausgabe erschien auch eine Würdigung des Künstlers und seines Schaffens des damals sehr bekannten Kritikers Karl Schöffer.

Am 23. Dezember 1923 veröffentlichte die Tageszeitung "Markranstädter Tageblatt" einen Artikel mit einer ausführlichen Beschreibung seiner Südamerika-Reisen und der dabei entstandenen großen Vielfalt seiner Arbeiten.

Leider sind alle Arbeiten, die sich im Weber-Verlag und im Museum für Länderkunde befanden vermutlich bei den Bombenangriffen auf Leipzig mit vernichtet worden. Weitere Bilder, die im Heimatmuseum Markranstädt ausgestellt waren, sind einer Brandstiftung 1946 zum Opfer gefallen. Etwa 120 Arbeiten befinden sich jetzt noch in unserem Archiv und wie wir inzwischen wissen, sind noch eine Anzahl Bilder in Privathand.

 
 
2
1
3
 
Beginn der Blöcke
Blöcke überspringen Kurt Schiering
Kurt Schiering
1886 - 1918


 
zurück      Seitenanfang